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Aktualität leicht gemacht – indem man alte Zahlen abschreibt und eine neue Jahreszahl dran schreibt (oder: Sekundärquellen statt Primärquellen nutzen)

Vor kurzem veröffentlichte die SZ Print wie Online ein Stück über die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland 25 Jahre nach der Wende. Dabei setzten die Münchner zur Illustration eine Grafik ein, in der das Bruttoinlandsprodukt pro Bundesland dargestellt wird. Die Grafik wirkt auf dem ersten Blick erst einmal nachvollziehbar und fehlerfrei, so dass wohl kaum ein Leser bemerkt haben wird, dass darin jede einzelne Zahl falsch ist!

Wo fangen wir an? Zunächst einmal ähnelt die Grafik wohl nicht zufällig einer, die ich selbst für Zeit Online erstellt habe, vor rund einem Jahr. Die SZ hat sie grafisch leicht vereinfacht (und man könnte berechtigt darüber streiten, ob es sinnvoll ist eine solche Karte nach Abstufungen statt mit durchgängigen Farbverlauf darzustellen). Die Fußnote hat sie jedoch 1:1 übernommen.

Soweit, so mir noch egal, wären da nicht folgende Probleme:

Die Zahlen für 2013 aus meiner Grafik wurden in der SZ-Grafik kurzerhand als Daten für 2014 deklariert. Mehr noch: Weil die zuständige Person (es ist übrigens nicht Heribert Prantl, der den Text geschrieben hat, in dem die Grafik veröffentlicht wurde) eben nur von der Sekundärquelle, meiner Grafik bei Zeit Online/Statista, abschreibt, nutzt sie sogar für 2013 veraltete Daten. In der Originalquelle, der Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder, gibt es mittlerweile nämlich eine Revision von November 2014/Februar 2015 mit leicht veränderten Werten.

Man möchte meinen, das käme davon, wenn man bei Google nur bis zum ersten Suchergebnis für „Bruttoinlandsprodukt pro Bundesland“ schaut, was nämlich meine Grafik ist. An Position drei findet man die Originalquelle. (An Position zwei ist übrigens ebenfalls eine Seite von Statista, die jedoch auch die aktuellsten Werte aufzeigt, da es sich dabei um die Datenbank und nicht eine statische Grafik handelt.)

Aber es liegt nicht daran. Denn jetzt verrate ich das, was mich an der Sache am meisten erschreckt: Dass die in der Grafik genutzten Werte für 2013 sind und das es in der Originalquelle veränderte, aktualisierte Daten gibt, habe ich der Person von der SZ persönlich am Telefon erklärt. Diese fragte nämlich nach, was es bedeute, dass der aktuelle Zensus noch nicht berücksichtigt sei (die Sache mit der übernommenen Fußnote). Ich habe sogar den Link zur Originalquelle geschickt, weil man bei der SZ offenbar die Website der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder nicht kennt.

Ob man nicht einfach die Daten von meiner Grafik übernehmen könne, wurde ich mehrfach gefragt. Könne man schon, das sei dann aber nicht aktuell, antwortete ich. Aber die VGRdL habe so viele Zeilen und Spalten und laufe nur bis 2013. Für dieses Jahr seien meine, nicht mehr neusten Werte auch. Doch dann musste ich nicht weiter erklären: Auf der anderen Seite hatte man keine Zeit mehr, man musste dringend zu einer Konferenz.