Asylbewerberzahl-Rekorde leicht gemacht (oder: mit Zeitausschnitten verzerren)

Die Welt titelt online: „Zahl der Asylbewerber wird sich verdoppeln“ Darin beruft sich das Medium auf Regierungskreise, denen zufolge die Prognose bezüglich der Asylanträge in Deutschland nach oben korrigiert würde: Auf 400.000 – und damit auf doppelt so viele wie im Vorjahr.  Einmal abgesehen davon, inwieweit diese Prognose stimmen wird, ist das zweifelsohne eine deutliche Entwicklung. Mittels einer Infografik versucht die Redaktion, die Werte in Relation zu setzen. Die Grafik wird auch als Teaser auf Twitter genutzt und man muss kein Social Media Experte sein, um vorherzusehen, dass sie oft ohne den (vollständigen) Artikel konsumiert wird und alleine funktionieren muss. Umso bedenklicher ist ihr Ausschnitt:

Denn: Die Welt verwendet lediglich die Zahlen seit 2001. Warum ausgerechnet dieser Ausschnitt gewählt wird, bleibt unklar. Es entsteht jedoch der Eindruck, als würden neuerdings bislang nicht dagewesene, hohe Werte erreicht. Dies ist jedoch nicht wahr.

Wer den Original-Bericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge betrachtet, auf den sich die Welt offenbar bezieht, entdeckt auf den Seiten drei und vier die Werte bis zurück in die 50er-Jahre. Seit 1995 (Seite vier) werden die Statistiken zu den Asylanträgen zudem in Erst- und Folgeanträge unterteilt. Hier finden sich für die Jahre 1995 bis 1999 (166951, 149193, 151700, 143429, 138319) bereits Gesamtwerte, die nahe dem von 2014 liegen. Da die Welt aber ohnehin nur die Gesamtanträge aufführt, hätte sie zudem problemlos auf die Gesamtstatistik zurückgreifen können, in der sich drei Werte finden lassen, die über dem aus dem Vorjahr liegen, unter anderem der bisherige Höchstwert von 438191 aus dem Jahr 1992 – der sogar über der von der Welt zitierten Prognose für das laufende Jahr liegt.

Die Werte aus der Grafik der Welt sind zwar nicht falsch, allerdings verzerrt der willkürlich gewählte Ausschnitt die Aussage massiv. Statt: Antragszahl könnte wieder nahe des bislang höchsten Wertes kommen, ergibt sich das Bild: Antragszahl klettert in ungeahnte Ausmaße. Und das gefährliche: Gerade bei diesem Thema liefert man so fremdenfeindlichen Kräften Futter – ob nun aus Nachlässigkeit oder vorsätzlich. Und da viele User nur die Grafik konsumieren, hilft es auch wenig, das die Welt im Text etwas schwammig erwähnt, dass im vergangenen Jahr der höchste Wert seit den 90ern erreicht worden sei.

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